„Im Alpentransit liegt die Zukunft im intermodalen Verkehr“

Hier eröffnet sich ein tolles Arbeitsumfeld. Bis auf ein paar kleine Handwerkarbeiten gibt es in der neuen Firmenzentrale der Nothegger Transport und Logistik GmbH in St. Ulrich am Pillersee im Bundesland Tirol nicht mehr viel zu tun. Daher beherbergt das mit Investitionen von knapp 2 Mio. Euro realisierte Objekt seit einigen Wochen die Mitarbeitenden aus den Bereichen Verwaltung und Disposition. Sie verteilen sich auf drei Ebenen mit zusammen rund 1.500 m² Bürofläche. Der Neubau in Holzbauweise liegt auf einer Erhöhung und bietet von drei Seiten aus einen phantastischen Ausblick auf Wälder und Wiesen. Zumindest in den Pausen ist das eine wohltuende Alternative zum Umfeld rund um die Bürotürme in den innerstädtischen Lagen.
Tagsüber bleibt den Beschäftigten des Komplettanbieters von Dienstleistungen in den Geschäftsfeldern mit den firmeninternen Bezeichnungen „Intermodal Network“, „Road Transport Solutions“ für LTL und FTL, „Systemlogistics“ für Stückgüter und „Warehousing Cross Docking“ in ganz Europa wenig Zeit zum Verschnaufen. Zwar könnte das Arbeitsumfeld dank des Neubaus kaum besser sein. Dazu leistet in den heißen Sommermonaten auch die Klimaanlage einen wichtigen Beitrag. Jedoch betreut das Team der Firma Nothegger zahlreiche namhafte Kunden aus den Branchen Retail, Consumer Goods, Automotive, Stahl, Chemie, Holz und Papier mit hohen Ansprüchen im Hinblick auf die Servicequalität, Pünktlichkeit und Nachhaltigkeit der transportlogistischen Lösungen.
Ihren Aufträgen und ihrem Vertrauen verdankt die Nothegger Transport Logistik GmbH den Aufstieg zu einem Komplettanbieter von Transport- und Logistikdiensten mit aktuell 1.500 Mitarbeitenden an 18 Standorten in fünf Ländern (Österreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Slowakei) und 230 Mio. Euro Umsatz im Jahr 2018. Dieses Team disponiert den von 800 Zugmaschinen und 1.000 gezogenen Einheiten für Planen-, Jumbo-, Schüttgut- und Kühltransporte gebildeten Eigenfuhrpark und bewirtschaftet Logistikanlagen mit 62.000 m² Lagerfläche. Das im Jahr 2010 gestartete Engagement im Segment Intermodal umfasst mittlerweile elf Ganzzuglinien in Nord-Süd-Verkehr mit einer Kapazität für wöchentlich 2.500 Ladungen (siehe Graphik auf S.7), gestützt auf einen Equipment-Pool bestehend aus mehr als 2.000 kranbaren Aufliegern, Wechselbrücken, Bulk-, Frigo-, Thermo- und Boxcontainern sowie kranbaren Walkingfloor Trailern.
Die solcherart an den Tag gelegte und bereits dreimal ausgezeichnete Kompetenz im Klimaschutz hat freilich ihren Preis, den zu tragen wohl nur ein Familienunternehmen mit sozialem Gewissen bereit ist. Jedenfalls räumt Geschäftsführer Karl Nothegger im Gespräch mit der Österreichischen Verkehrszeitung unmissverständlich ein, „dass wir das auf der Straße verdiente Geld in den Erhalt und Ausbau der intermodalen Transportlogistik investieren“. Man könne das auch als Quersubventionierung bezeichnen, befinde sich aber auf einem guten Weg. Der Unternehmer kann sich gut vorstellen, schon in ein paar Jahren rund 75 Prozent der Umsatzerlöse im Geschäftsfeld „Intermodal Network“ zu verdienen. Derzeit liegt man in etwa bei 50 Prozent.
Speziell auf den Nord-Süd-Achsen von Italien nach Deutschland und retour besitzt diese Prognose gute Chancen auf ein baldiges Eintreten. Schon jetzt begegnet das Bundesland Tirol dem Lkw-Transitverkehr mit Dosierungsmaßnahmen, Fahrverboten und Überlegungen für die Einführung der sogenannten „Korridormaut“. Zusammen mit der angekündigten Erhöhung der Mauttarife und dem immer krassere Formen annehmenden Fahrermangel mit der Begleiterscheinung der erhöhten Lohnkosten ergibt das eine Konstellation bei der sich Karl Nothegger schon sehr wundern würde, „wenn die Transportpreise auf der Straße in den kommenden Jahren nicht deutlich steigen“.
Im Unterschied dazu sollten sich die Rahmenbedingungen für die intermodale Transportlogistik entlang der Nord-Süd-Achse verbessern. Darauf lässt der Bau der Flachbahnen durch die Alpen schließen. Die Verbindung durch die Schweiz steht nach der Fertigstellung des 15 Kilometer langen Ceneri-Basistunnels Ende 2020 in vollem Umfang zu Verfügung. Dann ist die Neue Eisenbahn-Alpentransversale durch die Eidgenossenschaft Realität. Ihr Gegenstück in Österreich, der Brenner Basistunnel, wird voraussichtlich 2027 fertiggestellt. Dadurch müssten die Preise für Transportleistungen auf der Schiene tendenziell günstiger werden, vermutet Karl Nothegger.
Allerdings ist die Erbringung der intermodalen Transportlogistik, mag sie von den Großverladern im Sinne der Nachhaltigkeit auch noch so geschätzt sein, für die damit befassten Speditionen mit einem enormen Aufwand verbunden. „Wir kämpfen jeden Tag mit verspäteten Zugankünften. Die Bahngesellschaften begründen das mit Ressourcenknappheit, Lokführermangel sowie Infrastruktur-Engpässen“, reflektiert Karl Nothegger. Das beschere seinem Team laufend organisatorische Probleme in Form von kostspieligen und nervenaufreibenden Wartezeiten für die Trucking-Lkw an den verschiedenen Terminal-Standorten, obwohl die Fahrzeuge aus betriebswirtschaftlichen Gründen eigentlich rund um die Uhr fahren sollten.
In besonders krassen Situationen weiß man bei Nothegger Transport Logistik dann auch den Eigenfuhrpark zu schätzen, den die großen Intermodal-Kunden als Sicherheitsnetz und Alternative bei einem etwaigen Auftreten von gröberen Problemen auf der Schiene erwarten. Er verschafft dem Unternehmen ein hohes Maß an Flexibilität und die Möglichkeit, jederzeit sämtliche Transport- und Logistiklösungen anbieten zu können. Das hält Karl Nothegger insofern für eine gute Strategie, „weil die Terminals in Verona und Mailand Sagrate schon jetzt phasenweise total überlastet sind, die Züge aber auch bei Flachbahnen irgendwo starten oder enden müssen und man daher besser auf alle plötzlich auftretenden Engpass-Szenarien vorbereitet sein sollte“. Seine diesbezügliche Bemerkung bezieht sich auch auf das UKV-Terminal in Hall in Tirol, das Nothegger Transport Logistik trotz der beengten Verhältnisse regelmäßig nutzt.
Unverrückbar bleiben für den Tiroler Spediteur die Vorteile der intermodalen Transportlogistik. Das fängt beim erhöhten Ladungsgewicht bis 29 Tonnen an und reicht vom stabilen Fahrplan bei täglichen Abfahrten über die ganzjährig gesicherten Kapazitäten sowie der Umgehung der Wochenend- und Feiertagsfahrverbote bis zum aktiven Beitrag für den Umweltschutz. Dafür hat Nothegger Transport und Logistik neben mehreren großen internationalen Handelsketten und Konsumgüterindustrien auch den Automobilhersteller Fiat für die Beschaffungslogistik der italienischen Werke mit Bauteilen und Komponenten aus Deutschland gewonnen. Außerdem besteht traditionell eine große Verbundenheit zur österreichischen Holz- und Papierindustrie auf den Verbindungen nach Süditalien sowie über Bari hinausgehend nach Griechenland und in die Türkei.
JOACHIM HORVATH

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